
Niedrigschwellig vorbeugen, anstatt später mühsam Schadensbegrenzung zu betreiben – das ist die Grundidee von gesundheitlicher Prävention. Weil Vorsorge häufig günstiger ist als die Behandlung von Krankheiten, profitieren von guter Prävention sowohl der Staat als auch jeder und jede Einzelne.
Stand: November 2025

Krankheiten kosten viel Geld, Prävention kann die Kosten senken. Außerdem wollen wir natürlich alle möglichst gesund sein, deshalb hat Prävention eine wirtschaftliche, ethische und soziale Bedeutung. Aus wirtschaftlicher Perspektive kann man sagen: Prävention wird immer günstiger sein als Therapien und die Bekämpfung von Krankheiten. Wir können die Gesundheitsausgaben nicht unendlich steigern. Deshalb gibt es den dringenden Anlass zu fragen, welche Krankheiten wir hinausschieben oder sogar verhindern können. Manche Krankheiten sind sehr gut verhinderbar, zum Beispiel viele Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs.
Um das besser fassbar zu machen, muss man auf einzelne Krankheiten und Risikofaktoren blicken, zum Beispiel Lungenkrebs. Lungenkrebs hängt stark von einem einzigen Risikofaktor ab: dem Rauchen. Obwohl das den meisten Menschen klar ist, gibt es viele Raucher*innen, die Zahlen steigen sogar. Man könnte sicherlich bis zu 80 Prozent der Therapiekosten einsparen, das sind jedes Jahr viele Milliarden Euro. Einen Teil müsste man in verstärkte Prävention investieren, aber bei Weitem nicht so viel wie für die sehr teure Behandlung. Ab April 2026 wird es tatsächlich ein Lungenkrebs-Screening für Raucher*innen geben. Ich würde mir vor allem auch eine sogenannte Primärprävention wünschen, bei der es darum geht, das Rauchen von vornherein unattraktiv zu machen, gerade für junge Menschen.

Für sechs verschiedene Krebserkrankungen stehen in Deutschland Screenings zu Verfügung. Die Früherkennungsangebote erkennen die Erkrankungen oder Vorstufen davon, lange bevor sie Beschwerden bereiten. Dank der Früherkennung kann eine Therapie in einem sehr frühen Stadium beginnen. So lässt sich die Entwicklung der Krankheit häufig aufhalten oder eindämmen. Die Screenings im Überblick:
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es schwer, die gesundheitlichen Erfolge von Prävention sichtbar zu machen – sie bestehen ja darin, dass etwas nicht stattfindet, eine Erkrankung oder ein Todesfall. Hinzu kommt, dass für Prävention häufig Verhaltensänderungen nötig sind. Aber die individuelle Motivation zu dem zusätzlichen Aufwand ist oft gering, weil im Alltag häufig andere Dinge wichtiger sind. Die Politik könnte hier Verhaltensänderungen noch stärker begünstigen, indem sie etwa die Steuern für stark gezuckerte Getränke erhöht oder das Rauchen erschwert, indem es zum Beispiel an immer weniger Orten gestattet ist.
Sehr viel! Häufig wird Prävention in der Medizin nur als Tertiärprävention verstanden. Damit bezeichnet man Maßnahmen, die sich an bereits Erkrankte richten. Das ist auch wichtig, aber Präventionsmedizin sollte schon früher ansetzen und aktiv dazu beitragen, die Gesundheit der Menschen zu erhalten. Gerade Hausärzt*innen können da viel bewirken, das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Es müssen natürlich auch die Rahmenbedingungen stimmen, die Vergütung zum Beispiel, und sie müssten als erste Anlaufstelle ihre Patient*innen gut kennen.
Dann könnten sie viel umfassender beraten und zum Beispiel sagen: „Um gesund zu bleiben ist es wichtig, dass Sie kein Übergewicht bekommen. Ich habe da ein passendes Angebot für Sie“, anstatt erst aktiv zu werden, wenn das Übergewicht schon da ist. Einige Praxen verstehen sich heute schon als Präventionsbegleitung. Zu ihren Angeboten gehört auch, dass sie Probleme frühzeitig ansprechen und zum Beispiel bestimmte Labortests vorschlagen, etwa auf Blutfette oder das metabolische Syndrom. Außerdem sollten die Mediziner*innen natürlich alle Screening-Angebote kennen und genau wissen, in welchem Alter welche Vorsorgeuntersuchungen anstehen.

Im besten Fall beginnt Prävention, wenn die Gesundheit noch voll erhalten ist. Aber auch nach einer Erkrankung kann Prävention erheblich zur Lebensqualität beitragen. Ein Überblick:
Da sind natürlich zum einen die vielen Infektionskrankheiten. Covid hat uns gezeigt, wie viel wir durch Impfungen erreichen können. Das ist eine ganz große Möglichkeit, um mit wenig Aufwand schwere Erkrankungen bei sich und anderen zu verhindern. Darüber hinaus sind es vor allem die großen nicht-übertragbaren Krankheiten, die sich zwar nicht verhindern, aber doch deutlich verringern ließen, vor allem Herzkreislauf-Erkrankungen und Krebs. Bei Krebs gehen wir davon aus, dass ungefähr 40 Prozent der Erkrankungen durch Prävention verhindert werden könnten, bei Herzkreislauf-Erkrankungen möglicherweise noch mehr. Außerdem muss man hier Diabetes Typ 2 nennen, der häufig mit starkem Übergewicht einhergeht. Da kann man sehr gut eingreifen, bevor es so weit kommt.

Herzkreislauf-Erkrankungen und Krebs sind die zwei häufigsten Todesursachen in Deutschland. Mehr als die Hälfte aller Todesfälle in Deutschland ist einer der beiden Kategorien zuzuordnen. Menschen mit Diabetes sterben überdurchschnittlich häufig an Herzkreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Bei allen drei Krankheiten zahlt sich Prävention in jeder Phase aus. Eine gesunde Lebensführung verhindert oder verzögert in vielen Fällen den Krankheitsausbruch. Früherkennungsangebote helfen, eine Erkrankung früh zu erkennen und gegenzusteuern. Dazu gehören zum Beispiel der Gesundheits-Check-up, den gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren in Anspruch nehmen können, und die verschiedenen Krebs-Screenings. Kommt es zu einer Erkrankung, helfen regelmäßige Untersuchungen, die Folgen gering zu halten. Zum Beispiel hängt bei Diabetes viel davon ab, wie gut Patient*innen ihren Blutzuckerwert eingestellt haben.
Es gibt Angebote, bei dem die Teilnahmequoten recht hoch sind: Kariesprophylaxe und die U-Untersuchungen für Kinder. Da kann man gut sehen, was ein System leisten kann, das zum Alltag dazugehört. Die Untersuchungen sind so etabliert, dass es für Eltern selbstverständlich ist, daran teilzunehmen. Und sie bieten perfekte Anlässe, um über eine gesunde Lebensweise zu sprechen. Leider bricht das im Jugendalter ab. Ich würde mir wünschen, dass wir einen besseren Übergang zur gesundheitlichen Betreuung von Erwachsenen hätten, mit einem stärkeren Fokus auf Vorsorge und gesunde Lebensführung. Hier muss die Politik ansetzen, und zwar auf allen Ebenen. Gesundheit muss überall mitgedacht werden, zum Beispiel auch in Schulen, in der Stadtplanung oder Umweltpolitik.

Direkt nach der Geburt beginnt für Kinder der Einstieg in Vorsorge und Früherkennung: Bei der Untersuchung U1 prüfen Ärzt*innen, ob das Neugeborene gut entwickelt ist, ob Kreislauf und Atmung funktionieren und ob es Anzeichen für Krankheiten oder Fehlbildungen gibt. Zwischen dem 3. und 10. Lebenstag folgt schon die U2 mit dem umfassenden Neugeborenenscreening, wenige Wochen später die U3. Das gelbe U-Untersuchungsheft erhalten die Eltern noch im Krankenhaus, es dokumentiert von Anfang an die gesundheitliche Entwicklung der Kinder. 95 Prozent der Eltern nehmen das 1971 eingeführte Angebot in Anspruch. Es umfasst zehn Untersuchungen bis zum Alter von etwa fünf Jahren. Dabei stehen unterschiedliche Schwerpunkte auf dem Programm. Motorische und sprachliche Fähigkeiten kommen zur Sprache, ebenso wie Wachstum, Impfschutz, psychische Gesundheit, Ernährung und Sport. Blut- und Urinuntersuchungen spüren frühzeitig Krankheiten auf. Eine Jugenduntersuchung (J1) zwischen 12 und 14 Jahren rundet das Angebot ab, viele Krankenkassen übernehmen die Kosten für weitere Vorsorgeuntersuchungen für Kinder.
Betriebe können viel tun. Die Menschen verbringen viel Lebenszeit bei der Arbeit – darunter viele, die selten zum Arzt gehen. Unternehmen können auch gut Gesundheit als gemeinsames Ziel setzen und natürlich haben sie ein starkes eigenes Interesse daran, dass die Beschäftigten gesund sind. Wichtig ist immer, dass die Qualität solcher Angebote gesichert ist. Die Immun-Stuhltests zur Darmkrebsfrüherkennung sind ein gutes Beispiel dafür, was Betriebe beitragen können, aber es gibt noch viele andere Beispiele.
Digitale Gesundheitskompetenz ist ein großes Thema, nicht nur bei der Prävention. Immer mehr Menschen informieren sich im Internet, Arztpraxen sind vermehrt auf digitalen Kanälen erreichbar. Dazu passt auch, dass es immer mehr Hometests gibt: Man nimmt selbst eine Probe, schickt den Test an ein Labor und bekommt dann online die Auswertung. Dadurch wird viel Verantwortung in die Hände der Patient*innen gelegt. Ich finde es wichtig, dass niemand mit einem beunruhigenden Befund allein gelassen wird, sondern dass Betroffene in ein solides Informationsnetz eingebunden sind – und das gilt auch für unauffällige Tests, deren Bedeutung angemessen interpretiert werden muss. In dieser Hinsicht wird sicher in Zukunft noch viel passieren.
Ich sehe Trends in unterschiedliche Richtungen. Beim Rauchen geht der Trend in die falsche Richtung, in einigen Altersklassen steigt die Zahl der Raucher*innen. Trotzdem gehe ich davon aus, dass wir in vielen Bereichen in den nächsten Jahren eine deutliche Verbesserung sehen werden. Es ist eben sehr teuer, verhinderbare Erkrankungen zuzulassen und später zu behandeln. Deshalb gehe ich davon aus, dass in Zukunft mehr getan wird, um die Menschen zu gesünderem Verhalten zu bewegen. Das wird in kleinen Schritten kommen. Parallel dazu werden sicher Angebote wie die Krebs-Screenings weiter ausgebaut. Ich glaube, dass wir noch viele Möglichkeiten haben, um mehr Prävention zu leisten. Dazu muss natürlich die Politik ihre Prioritäten richtig setzen. Die Präventionsforschung kann hierfür Entscheidungshilfe leisten.