
In den meisten Lebensbereichen wünschen sich Frauen die gleiche Behandlung wie Männer. In der Medizin bewährt sich die Gleichbehandlung der Geschlechter allerdings nicht, weil sie körperliche Besonderheiten und typische Lebensumstände von Frauen vernachlässigt. Was eine geschlechtersensible Medizin besser macht und was Frauen selbst tun können – ein Überblick.
Stand: Juli 2026
Ob Diagnostik oder Dosierung von Medikamenten: Über Jahrzehnte ging die Medizin davon aus, dass für Männer und Frauen dieselben Maßstäbe gelten. Deshalb führten Forschende mit gutem Gewissen medizinische Studien fast ausschließlich mit Männern durch. So konnten sie sicher sein, dass keine Schwangeren unter den Teilnehmenden waren. Bis heute besitzen wir deshalb weniger Daten über Erkrankungen bei Frauen. Die Forschung spricht auch von Gender Data Gap.
Die Datenlücke ist ein großes Problem, denn inzwischen weiß man: Erkrankungen können sich bei Frauen anders als bei Männern zeigen. Bekanntestes Beispiel dafür ist der Herzinfarkt. Während bei Männern ein Brustschmerz typisch ist, gehören bei Frauen eher eine Enge in der Brust, Kurzatmigkeit, Übelkeit und Schmerzen in Rücken oder Oberbauch zu den Symptomen. Da aber viele Menschen nur die für Männer typischen Symptome kennen, wird ein Herzinfarkt bei Frauen seltener oder später erkannt. Eine Studie[1] konnte ermitteln, dass bei Frauen über 65 Jahren im Durchschnitt 4,5 Stunden vergehen, bis sie bei einem Herzinfarkt in die Notaufnahme kommen. Bei Männern geht es im Schnitt eine ganze Stunde schneller, der Zeitgewinn kann über Leben und Tod entscheiden.

Im Vergleich zu Männern erleben Frauen im Lauf ihres Lebens komplexe hormonelle Umstellungen. Schwangerschaften legen verschiedene Hebel im Körper um. Später in den Wechseljahren folgen weitere Veränderungen. Gendermediziner*innen fordern deshalb, die jeweiligen Lebensphasen stärker zu berücksichtigen. Immerhin gibt es seit 2020 eine eigene Leitlinie zur Peri- und Postmenopause[2], also zu Veränderungen im weiblichen Körper, die durch die Wechseljahre angestoßen werden. Sie empfiehlt unter anderem, die Diagnose und Therapie in bestimmten Fällen nicht nur an Symptomen, sondern auch an hormonellen Laborwerten wie dem follikelstimulierenden Hormon (FSH) auszurichten. Medizinische Entscheidungen sollten sich individuell an der jeweiligen Lebensphase orientieren. Außerdem hebt die Leitlinie hervor, dass sich je nach Alter und hormoneller Situation die Gesundheitsrisiken von Frauen verschieben – etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose oder bestimmte Krebsarten. Das sollte bei der Behandlung systematisch berücksichtigt werden.

Statistisch sieht es auf den ersten Blick gar nicht schlecht aus für die Frauen in Deutschland: Sie können im Jahr 2025 mit 83,7 Lebensjahren rechnen, davon 63 in Gesundheit.[3] Männer werden hingegen im Durchschnitt nur 79 Jahre alt, von denen sie 62,1 gesund verbringen. Die Zahlen bedeuten aber auch: Bis zu ihrem Tod sind Frauen durchschnittlich fast 21 Jahre lang krank, Männer hingegen „nur“ knapp 17. Welche Ursache diese Unterschiede haben, ist bislang nicht genau geklärt.
Ein genaueres Bild vermittelt eine umfassende Studie aus Dänemark[4]. Forschende der Universität Kopenhagen haben Gesundheitsdaten von 6,9 Millionen dänischen Bürger*innen nach systematischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen durchsucht. Unter anderem konnten sie nachweisen, dass Frauen bei 770 Erkrankungen später im Leben die Erstdiagnose erhalten als Männer. Bei der Erstdiagnose Krebs sind die Frauen im Schnitt 2,5 Jahre älter, bei Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes sogar 4,5 Jahre.
Die Gründe für die Altersunterschiede zwischen Frauen und Männern bei Erstdiagnosen sind vielfältig und nicht völlig geklärt. Neben Lebensstil und hormonellen Faktoren spielt wahrscheinlich eine Rolle, dass bei Frauen Symptome öfter nicht korrekt gedeutet werden. Zum Beispiel bewerten Mediziner*innen Schmerzen bei Frauen häufig anders als bei Männern, weil Frauen als emotionaler und empfindlicher[5] gelten. Eine Übersichtsarbeit über 77 Studien konnte zeigen, dass Frauen mit Schmerzen seltener geglaubt wird, dass sie weniger wirkungsvolle Schmerzmittel erhalten und öfter als Männer eine Überweisung zu einer psychologischen Behandlungen erhalten. Bei Männern hingegen findet häufiger eine vertiefende Diagnostik statt.
Wie wichtig es ist, Schmerzen und unspezifischen Symptomen bei Frauen nachzugehen, zeigt sich zum Beispiel bei Endometriose – einer Krankheit, an der nur Frauen erkranken und die nur durch eine Kombination verschiedener diagnostischer Verfahren klar erkannt werden kann. Bei Endometriose wächst eine Art Gewebe im Körper, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt. Die Gewebeansammlungen entstehen an Stellen, an denen sie nicht vorgesehen sind, zum Beispiel im Bauchfell oder an den Eierstöcken, im Darm oder der Harnblase. Zu den Leitsymptomen gehören starke Regelschmerzen und chronische Unterbauchschmerzen sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und in einigen Fällen auch Schmerzen beim Wasserlassen und Stuhlgang.
Obwohl rund zehn Prozent der Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter von Endometriose betroffen sind, vergehen im Schnitt sieben Jahre vom ersten Symptom bis zur Diagnosestellung. Eine weitere Studie zeigt zudem: Drei Viertel der Betroffenen erhalten zunächst mindestens eine Fehldiagnose. Fast in allen fehldiagnostizierten Fällen gingen die Ärzt*innen zunächst von anderen körperlichen Erkrankungen aus, in der Hälfte der Fälle vermuteten sie – häufig ergänzend zur körperlichen Diagnose – eine psychische Erkrankung. Die lange Dauer bis zur richtigen Diagnose verringert nicht nur die Lebensqualität der betroffenen Frauen. Sie erschwert auch die Therapie, wenn zum Beispiel die Endometriose dem Kinderwunsch im Weg steht.

Ein ähnliches Muster findet sich bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Laut einer Studie mit 190 Patient*innen[6] vergingen bei Männern 4,5 Monate, bis bei ihnen die CED Morbus Crohn diagnostiziert wurde. Frauen hingegen mussten 12,6 Monate warten. Bei der CED Colitis Ulcerosa geht es insgesamt schneller, aber auch hier müssen Frauen länger auf die Diagnose warten, nämlich 6,1 Monate – bei Männern dauerte es nur 2,7 Monate. Hinzu kommt: Die Frauen hatten vor der korrekten Diagnose mehr Fehldiagnosen erhalten.
Zu den weniger offensichtlichen Unterschieden zwischen Männern und Frauen gehört, dass Frauen eine stärkere Immunreaktion haben als Männer. Die Folgen: Weniger Infektionen, aber mehr Autoimmunerkrankungen, weil sie das Immunsystem öfter gegen den eigenen Körper richtet. Vor allem Gene und Hormone sind für diesen Geschlechterunterschied verantwortlich. Rund 80 Prozent der Personen, die von einer Autoimmunerkrankung betroffen sind, sind Frauen. Zu den häufigeren Autoimmunerkrankungen mit deutlich höherem Frauenanteil gehören unter anderem die Schilddrüsen-Erkrankung Hashimoto-Thyreoditis, Systemischer Lupus erythematodes (SLE), rheumatoide Arthritis und Multiple Sklerose. Beim weniger verbreiteten Sjögren-Syndrom sind sogar 95 Prozent der Erkrankten weiblich – die Erkrankung greift die Tränen- und Speicheldrüsen an.
Was viele Autoimmunerkrankungen gemeinsam haben: Die Diagnose ist oft kompliziert, weil die Krankheiten zunächst sehr unspezifische Beschwerden hervorrufen. So zum Beispiel SLE. Die systemische Erkrankung betrifft zu 90 Prozent Frauen. Bis zur Diagnose vergehen im Durchschnitt drei bis fünf Jahre. Sieben von zehn Patient*innen erhalten zunächst eine oder mehrere Fehldiagnosen. Der Grund dafür sind nicht nur die diagnostischen Hürden. Studien[7] zeigen, dass auch falsch bewertete Symptome und ein mangelndes Bewusstsein für die Erkrankung dazu beitragen.
Auch bei anderen rheumatoiden Autoimmunerkrankungen sind Fehldiagnosen häufig. Insbesondere gehen Mediziner*innen bei diesen – vermehrt Frauen betreffenden Erkrankungen – häufig von psychiatrischen oder psychosomatischen Erkrankungen aus.[8] Die Folgen der Fehl- oder zu spät gestellten Diagnosen können erheblich sein, weil bis zum Beginn der Behandlung bereits unumkehrbare Organschäden entstehen können.

Auch bei einem Eisenmangel kann es ohne Gegenmaßnahmen zu schweren Folgen kommen, schließlich ist das Spurenelement an der Blutbildung beteiligt. Ohne ausreichend Eisen im Körper kann das Blut irgendwann nicht mehr genügend Sauerstoff in Organe und Zellen transportieren. Dann kommt es zu einer Anämie, die zu Herz- oder Organschäden führen kann. Rund fünf bis zehn Prozent der Menschen in Europa haben einen Eisenmangel. Frauen im gebärfähigen Alter sind besonders häufig betroffen: 40 bis 55 Prozent[9] von ihnen haben ihre Eisenspeicher fast oder vollständig aufgebraucht. Der wichtigste Grund: Durch Menstruationsblutungen verliert der Körper Eisen – bei starken Blutungen oft mehr, als der Körper über die Ernährung wieder aufnehmen kann.
Zu den ersten Anzeichen von Eisenmangel gehören Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und Kopfschmerzen. Auch Haarausfall, brüchige Nägel oder zum Beispiel das Restless-Legs-Syndrom sind mögliche Hinweise auf einen Eisenmangel. Ob das Spurenelement tatsächlich fehlt, können Labortests ermitteln. Bestätigen sie den Mangel, sollten Mediziner*innen immer auch nach der Ursache forschen. Starke Regelblutungen können zum Beispiel auf eine Endometriose, Gerinnungsstörungen oder andere Erkrankungen hindeuten.

In der Summe belegen zahlreiche Studien: Frauen müssen mehr als Männer damit rechnen, dass Mediziner*innen Krankheitsanzeichen falsch deuten, unklare Beschwerden wie Schmerzen oder Müdigkeit nicht ernst genug nehmen. Auch trans oder inter Personen müssen mit Fehldiagnosen aufgrund von Wissenslücken und Vorurteilen rechnen. Um trotzdem eine möglichst gute medizinische Versorgung zu erhalten, können verschiedene Maßnahmen helfen:

Viele Laborwerte gelten – nach aktuellem Stand der Forschung – für alle Geschlechter gleichermaßen. So zum Beispiel bei Kalium oder dem Entzündungsmarker C-reaktives Protein (CRP). Das heißt: Ist eine bestimmte Konzentration davon in der Blut- oder Urinprobe über- oder unterschritten, könnte eine Erkrankung dahinterstecken. Bei einigen Laborwerten allerdings spielt das Geschlecht eine größere Rolle. Drei Beispiele:
In jedem Fall gilt: Einzelne Laborwerte erleichtern den Weg zur Diagnose. Entscheidend ist jedoch die Gesamtbetrachtung von Laborwerten, Symptomen, Alter, Lebensphase und weiteren Untersuchungsergebnissen.
1 Deutsche Herzstiftung (2021): Herzinfarkt bei Frauen: Diese Symptome sollten Sie kennen! Link
2 Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (2020): Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen. S3-Leitlinie, Registernummer 015-062. Link
3 Eurostat: Healthy life years by sex (from 2004 onwards). Link
4 University of Copenhagen (2019): Study: Across Diseases, Women Are Diagnosed Later Than Men. Bezug auf: Westergaard D et al. (2019), Population-wide analysis of differences in disease progression patterns in men and women, Nature Communications 10. Link
5 Samulowitz A, Gremyr I, Eriksson E, Hensing G. (2018): “Brave Men” and “Emotional Women”: A Theory-Guided Literature Review on Gender Bias in Health Care and Gendered Norms towards Patients with Chronic Pain. Journal of Pain Research 11: 231–238. Link
6 Sempere L et al. (2023): Gender Biases and Diagnostic Delay in Inflammatory Bowel Disease: Multicenter Observational Study. Inflammatory Bowel Diseases 29(12): 1886–1894. DOI: 10.1093/ibd/izad001. Link
7 Understanding the impact of delayed diagnosis and misdiagnosis of systemic lupus erythematosus (SLE) (2024). Link
8 University of Cambridge: Chronic diseases misdiagnosed as psychosomatic can lead to long-term damage. Link
9 Milman N, Taylor CL, Merkel J, Brannon PM. (2017): Iron status in pregnant women and women of reproductive age in Europe. The American Journal of Clinical Nutrition 106(Suppl 6): 1655S–1662S. DOI: 10.3945/ajcn.117.156000. Link
10 Greenwood BN, Carnahan S, Huang L. (2018): Patient–physician gender concordance and increased mortality among female heart attack patients. Proceedings of the National Academy of Sciences 115(34): 8569–8574. DOI: 10.1073/pnas.1800097115. Link