Studie belegt Nutzen von HPV-Screening

Professor Dr. Karl Ulrich Petry

Etwa 4.660 Frauen erkranken jedes Jahr neu an Gebärmutterhalskrebs. Die Labordiagnostik hat eine zentrale Bedeutung bei der Früherkennung. DiG sprach mit Professor Dr. Karl Ulrich Petry, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Wolfsburg und Leiter der epidemiologischen Studie HPV in Wolfsburg.


Gebärmutterhalskrebs ist vermeidbar – wieso?

Zunächst ist es wichtig, zwischen Vorsorge und Früherkennung zu unterscheiden: Bei der sekundären Prävention wird durch Erkennung und Behandlung von Vorstufen die Krebsentstehung vermieden. Vorsorge ist von der Krebsfrüherkennung abzugrenzen, da bei ihr der Krebs nicht verhindert, sondern durch frühe Diagnose die Prognose der Krebserkrankung (hoffentlich) verbessert wird. Vorsorge und Früherkennung sind nicht unumstritten, da sie in erheblichem Maß zu Fehlalarmen (falsch positive Befunde) aber auch zu Intervallkarzinomen nach falsch negativen Befunden führen.

 

Kein anderes Karzinom bietet so gute Chancen für eine Prävention wie das Gebärmutterhals- oder Zervixkarzinom (Cervical cancer = CCA). Von exotischen Ausnahmen abgesehen kann ein CCA nur als Folge einer chronischen Infektion mit bestimmten humanen Papillomaviren (HPV) entstehen. Die Genese braucht vom initialen HPV-Infekt bis zur Entstehung eines invasiven Tumors meist Jahrzehnte, die minimale Latenzzeit scheint bei ungefähr sieben Jahren zu liegen. Während die Entstehung sich über einen langen Zeitraum hinzieht, ist der klinische Verlauf des CCA ohne Therapie typischerweise fulminant mit einer hohen Mortalitätsrate.

 

Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs verbessern

Die in Deutschland eingeführte Vorsorge basiert auf der Zytologie, bei der in Abstrichen vom Muttermund Zellen von Krebsvorstufen erkannt werden. Sie weist Nachteile auf. So erhielten in einer Studie mehr als 14% aller gesunden Teilnehmerinnen innerhalb von fünf Jahren Fehlalarme, umgekehrt übersah ein einmaliger Abstrich mehr als die Hälfte aller echten Krebsvorstufen und Karzinome. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) stellte in seinen Nutzenbewertungen 2012 und 2014 fest, dass durch HPV-Testung „Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses früher erkannt und behandelt werden können und in der Folge weniger Tumore auftreten“ als bei Zytologie basierter Vorsorge.

 

Genauere Diagnostik mit HPV-Test

Das Wolfsburger Pilotprojekt zum HPV-Screening (WOLPHSCREEN) startete im Februar 2006. Partner sind niedergelassene Gynäkologen, das Klinikum Wolfsburg und die Deutsche BKK, sowie seit 2015 auch die Audi BKK. Teilnehmen können Versicherte über 30 Jahren, ausgeschlossen sind Frauen nach Hysterektomie. Bei allen erfolgt eine Ko-Testung mit Zytologie und HPV-Testung. Sind beide Tests unauffällig, findet das nächste Screening erst nach fünf Jahren statt, fallen beide Tests positiv aus, werden Betroffene direkt zur weiteren Abklärung überwiesen. Im Fall diskordanter Befunde erfolgen zunächst Kontrollen und erst bei Persistenz die Überweisung. Alle Daten werden im Klinikum gesammelt, die Einhaltung der Patientinnenpfade wird zentral überwacht und mit den Datenbanken der Krankenkassen und des epidemiologischen Krebsregisters abgeglichen. Nicht-Teilnehmerinnen wurden nach zwei Jahren angeschrieben.

 

VDGH Diagnostik im Gespräch 1/2015

 

Mehr als 99% der befragten Frauen entschieden sich für das neue Modell, die Teilnahme lag bereits nach drei Jahren bei über 87%. Alle Gynäkologen in Wolfsburg haben 2014 ihre Teilnahme am Projekt erneut verlängert. Für 19.795 der mehr als 23.000 Teilnehmerinnen liegen fast lückenlose Verlaufsdaten über 54 bis 110 Monate vor. Die beobachtete Risikostratifizierung durch HPV-Testung übertraf alle Erwartungen. 152 Frauen erkrankten an echten Vorstufen und 20 an Karzinomen, 95 dieser 172 Frauen wiesen bei Rekrutierung unauffällige Zytologien auf und wurden aufgrund des persistierenden HPV-Nachweises diagnostiziert. Alle Karzinome und 139 von 152 Krebsvorstufen wurden bei der ersten Überweisung diagnostiziert. Das relativ hohe Erkrankungsrisiko von 0,9% in der ersten Screeningrunde betraf somit fast ausschließlich bereits prävalente Fälle, die durch HPV-Testung und Abklärung rasch diagnostiziert wurden. Das verbleibende Risiko für echte Vorstufen im Langzeitverlauf war mit 0,05% in der zweiten Screeningrunde signifikant niedriger.

 

Studie brachte konkrete Ergebnisse

WOLPHSCREEN zeigt nicht nur dass es möglich ist, regional organisierte Screeningprogramme durchzuführen, sondern auch,  dass durch HPV-Screening mit wenigen Interventionen eine frühere und bessere Detektion von Frauen mit Vorstufen und Krebs gelingt als mit dem aktuellen deutschen Standard der jährlichen Zytologie

 

 

17.08.2015