Virus-Hepatitis: Labortests enttarnen heimliche Epidemie

Hepatitis A kann zu Leberversagen führen; das Hepatitis B-Virus ist 100mal infektiöser als das HIV-Virus und kann bis zu sieben Tage außerhalb des Körpers überleben; etwa zwei Prozent der Weltbevölkerung tragen das Hepatitis C-Virus in sich. Im Jahr 2016 rief die WHO einen Aktionsplan ins Leben, um Hepatitis B und C bis 2030 weltweit einzudämmen bzw. zu eliminieren. In Deutschland sagten bereits 2013 federführende Organisationen in Sachen Lebergesundheit wie etwa die Deutsche Leberstiftung und die Deutsche Leberhilfe mit einem nationalen Aktionsplan der Hepatitis den Kampf an. Ob weltweit oder national – Voraussetzung für die erfolgreiche Bekämpfung der Hepatitis ist neben Prävention eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung.

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Bedeutende Krankheitslast

Laut dem aktuellen Hepatitis-Bericht der WHO verstarben im Jahr 2015 weltweit 1,34 Millionen Menschen an einer Hepatitis-Infektion. Damit fordern Leberentzündungen rund um den Globus mehr Todesopfer als HIV-Infektionen. Die meisten Opfer (96 Prozent) sterben an Hepatitis B und C. Hierzulande registrierte das Robert Koch-Institut für das Jahr 2017 um acht Prozent mehr Fälle von erstmals festgestellter Hepatitis C als 2016. Dazu kommt: Nicht alle Betroffenen wissen, dass sie sich mit Hepatitis angesteckt haben. Sie können die Erkrankung ungewollt weitergeben – und müssen mit einem deutlich erhöhten Krebsrisiko leben.

Hepatitis A bis C

Mehr zu den unterschiedlichen Formen der Hepatitis lesen Sie hier.

Gefahr: chronische Hepatitis lange unbemerkt

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Am häufigsten stecken Menschen in Deutschland sich mit Hepatitis A an – in der Regel auf Reisen. Meistens sind verschmutztes Trinkwasser oder Nahrungsmittel die Ursache. Die Infektion heilt normalerweise vollständig aus; wer sie überstanden hat, bleibt sein Leben lang immun. Bei Hepatitis B und C besteht jedoch die Gefahr, dass die Infektion dauerhaft im Körper verbleibt. In Deutschland leben nach Schätzungen von Experten insgesamt etwa 600.000 Menschen mit diesen chronischen Lebererkrankungen. Das Bundesgesundheitsministerium geht davon aus, dass etwa je die Hälfte, also jeweils 300.000 Betroffene, an chronischer Hepatitis B bzw. chronischer Hepatitis C erkrankt ist. Das Heimtückische daran: Hepatitis-Infektionen verlaufen oft ohne klare Symptome. Daher wissen viele nicht einmal von ihrer Erkrankung. So geht das Robert Koch Institut (RKI) davon aus, dass nur jedem vierten mit Hepatitis-B-Infizierten sein Leiden auch bekannt ist. Und Hepatitis C verläuft in 75 Prozent aller Fälle ebenfalls unbemerkt.

 

Darum ist die Diagnostik so wichtig:

Chronische Hepatitis steigert Krebsrisiko

Bleibt eine Diagnose aus, entfällt auch die Möglichkeit, die Hepatitis-Infektion erfolgreich zu bekämpfen. Ohne Behandlung nimmt etwa eine Hepatitis C in 50 bis 85 Prozent der Fälle einen chronischen Verlauf. Diese dauerhafte Infektion macht ebenfalls nur selten Beschwerden – schädigt aber über Jahre und Jahrzehnte die Leber. So treibt eine unbehandelte chronische Hepatitis C das Risiko für schwere Lebererkrankungen deutlich in die Höhe. 15 bis 30 Prozent der Menschen mit chronischer Hepatitis C entwickeln innerhalb von 20 Jahren eine Leberzirrhose; diese wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, an Leberkrebs zu erkranken, um bis zu vier Prozent pro Jahr. Nach Angaben der Deutschen Leberstiftung gehen zudem 80 Prozent aller Leberkrebsfälle weltweit auf eine chronische Infektion mit Hepatitis B zurück.

Leberkrebs-Vorsorge: Das sagt der Experte

"Durch frühzeitige Abklärung von Leberwerten könnte man leicht feststellen, ob das Risiko einer solchen Infektion vorliegt oder nicht. Damit wäre eine viel bessere Vorbeugung von Leberkrebs möglich.“

Privatdozent Dr. Anton Gillessen, Vertreter der Deutschen Leberhilfe e.V.

Quelle:

Aktionsplan nationale Strategie gegen Virushepatitis in Deutschland

Hepatitis kann jeden treffen

Von wegen Rotlichtkrankheit: Um sich mit Hepatitis anzustecken, kann schon der Eiswürfel im Strandcocktail reichen, das leckere Muschelgericht oder das neue Tattoo. Unsauberes Wasser, mangelnde Sanitäranlagen, schlechte Hygienebedingungen und nicht gekochte Speisen sowie manche Meeresfrüchte übertragen Hepatitis-Viren. Allein mit Hepatitis B steckt man sich in erster Linie über Sexualkontakte an.

Hepatitis: Leberentzündung kann jeden treffen

Frühe Diagnose rettet Leben

Für alle Hepatitis-Infektionen aber gilt gleichermaßen: Früh erkannt lassen sich Leberentzündungen effektiv behandeln, manchmal gar heilen. Für Hepatitis C-Infizierte stehen die Chancen für eine Heilung innerhalb der ersten vier Monate nach der Ansteckung besonders gut. So gehen die Autoren des „Aktionsplans Nationale Strategie gegen Virushepatitis in Deutschland“ davon aus, dass mit den zurzeit verfügbaren Medikamenten bei bis zu 90 Prozent der Patienten die Leberentzündung sogar ausheilen kann. Selbst Patienten, die sich mit dem extrem aggressiven Hepatitis B-Virus angesteckt haben, können ihr Risiko für tödliche Folgeerkrankungen wie Leberzirrhose oder Leberkrebs durch eine frühzeitige Behandlung erheblich reduzieren. Voraussetzung: Die Infektion wird früh erkannt und richtig behandelt.

Hepatitis-Therapie: Das sagt der Experte

„Wir haben jetzt für die Therapie der von Hepatitis B-Virusinfektionen die perfekten Therapien verfügbar. Sie wirken bei praktisch jedem Patienten und verhindern, dass die Patienten zum Beispiel eine Leberzirrhose (Vernarbung des Lebergewebes) bekommen. Wir können damit auch das Risiko für das nächste Stadium, den Leberkrebs, dramatisch reduzieren.“

Prof. Dr. Heiner Wedemeyer, Leitender Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover und Koordinator wissenschaftlicher Projekte der Deutschen Leberstiftung

Quelle:

Aktionsplan nationale Strategie gegen Virushepatitis in Deutschland

Test für alle

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Ihre Leberwerte sollten Patienten daher regelmäßig prüfen lassen, auch wenn sie keine akuten Beschwerden verspüren. Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) forderte im Mai 2013 zum wiederholten Male, die Bestimmung des Leberwerts ALT (Alanin-Aminotransferase) in den Check-up 35 aufzunehmen. Diese Vorsorgeuntersuchung bietet die gesetzliche Krankenversicherung allen Mitgliedern ab 35 Jahren an. Bisher wird das Blut dabei nur auf Anzeichen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes untersucht. Die Laboruntersuchung der Leberwerte müssen Patienten als individuelle Gesundheitsleistung noch selbst bezahlen.

Darum sollte das Hepatitis C-Screening ein Bestandteil des Check-up 35 werden

In einer Studie untersuchte Prof. Dr. Kramer, Beirat des IPF, Facharzt für Labormedizin und Innere Medizin und ärztlicher Leiter sowie Geschäftsführer des LADR Laborverbundes Dr. Kramer & Kollegen, mit einem LADR-eigenen Team und Kooperationspartnern, ob es sinnvoll sein kann, Labortests auf Hepatitis C in die Präventionsleistung Check-up-35 aufzunehmen. Die Ergebnisse der Studie untermauern die Forderung nach einem Hepatitis-C-Screening: „Ohne Therapie führt die chronische Hepatitis C-Infektion nach Jahren zum Leberzellkrebs oder zur Leberzirrhose – beides Erkrankungen, die sich erst in einem sehr späten Stadium mit Symptomen bemerkbar machen. Dazu kommt: Noch vor kurzem war Hepatitis C nur bei einem Teil der Patienten heilbar, viele Betroffene erkrankten trotz Diagnose an den bereits erwähnten Folgen. Durch die neuen Therapiemöglichkeiten besteht jetzt Aussicht auf Heilung für einen Großteil der Erkrankten“, so Kramer.

 

mehr zur Studie 

Lebertest als Regelleistung: Das sagt der Experte

„Unter den verschiedenen Leberwerten ist die ALT zur Früherkennung besonders gut geeignet, da sie frühzeitig im Blut nachweisbar ist. Die ALT-Testung ist zudem einfach, in jedem Diagnostik-Labor als Standard etabliert und extrem kostengünstig.“

Professor Dr. med. Steffen Zeuzem, Direktor der Medizinischen Klinik 1 am Universitätsklinikum Frankfurt und Vorstandsmitglied der DGVS

Quelle: DGVS

ALT, GPT – Was ist das?

Die Alanin-Aminotransferase, ALT, gehört zu den Enzymen, die in den Leberzellen Stoffwechselaufgaben erledigen. Ist die Leber geschädigt, gelangen diese Enzyme ins Blut. Im Labor können Mediziner sie dann in einer Blutprobe nachweisen. Statt ALT nutzen Mediziner oft auch das Kürzel GTP (Glutamatpyruvattransaminase). Beide Kürzel meinen dasselbe Enzym.

Ursachen auf den Grund gehen

Stellt der Arzt im Labor erhöhte Leberwerte fest, sollten die Ursachen mit weiteren Tests konsequent abgeklärt werden. Nicht immer wird hinter den erhöhten Werten eine Hepatitis-Infektion stehen. Wenn jedoch Betroffene zuvor im Ausland auf Reisen waren, einen neuen Körperschmuck wie Piercing oder Tattoo tragen oder sich in ein ungeschütztes Liebesabenteuer gestürzt haben, sollte eine Hepatitis-Infektion unbedingt ausgeschlossen werden.

Ursachenforschung: Das sagt der Experte

„Erhöhte Leberwerte werden häufig nicht konsequent und früh genug abgeklärt. Sie werden nicht so ernst genommen, und man schiebt es auf das Übergewicht oder den Alkoholgenuss.“

Privatdozent Dr. Anton Gillessen, Vertreter der Deutschen Leberhilfe e.V.

Quelle:

Aktionsplan nationale Strategie gegen Virushepatitis in Deutschland

Informieren, testen, schützen, impfen lassen

Jeder kann selbst dazu beitragen, sich gegen eine Infektion mit Hepatits zu schützen und die Viren unwissentlich weiterzugeben:

  • Informieren Sie sich gründlich über Hepatitis, mögliche Ansteckungswege und Behandlungen – zum Beispiel im vertrauensvollen Gespräch mit Ihrem Arzt.

  • Lassen Sie sich impfen! Gegen Hepatitis A und B schützen Impfungen sehr wirkungsvoll.

  • Handeln Sie verantwortungsvoll: Gegen Hepatitis C gibt es noch keine Impfung. Hier helfen aber klare Verhaltensregeln, um das Infektionsrisiko zumindest zu reduzieren. Menschen mit Freude an Körperschmuck sollten aufmerksam darauf achten, dass es im Tattoo-Studio hygienisch einwandfrei zugeht und Liebesabenteuerlustige die Grundregeln des Safer Sex beherzigen..

Wird Hepatitis-C-Screening Kassenleistung?

Medizinische Fachgesellschaften und Experten fordern immer wieder, Labortests auf Hepatitis C in die Kassenleistungen für regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen aufzunehmen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) im September 2016 damit beauftragt, Nutzen und Kosten für ein Hepatitis C-Screening zu bewerten.

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